Sprung in die Unsicherheit

„Der Mannschaft hat über all die Zeit die Leichtigkeit und die spielerische Klasse gefehlt.“ Joachim Löw

Der Falschirmsprung der X-Force im zweiten Deadpool-Film dürfte schon jetzt Kinogeschichte geschrieben haben. Um es mit dem Endgegner aufnehmen zu können, wird eine Gruppe Helden gecastet, die als „X-Force“ die Entführung eines Mutanten-Jungen verhindern sollen.

Dazu fliegen sie in einem Flugzeug zum Einsatzort. Als sie dann mit Fallschirmen aus dem Flugzeug hinausspringen und der Einsatz beginnt, raucht sich einer nach dem anderen bereits beim Landen auf. Während der eine in einer Starkstromleitung landet, geraten andere u.a. in Häcksler-Maschinen.

Ähnliches dürfte der Fußballnationalmannschaft widerfahren sein. So richtig in der Fußball-WM in Russland gelandet war wohl keiner von denen. Geschweige denn als Mannschaft angetreten.

Das kann viele Gründe haben. Es war davon die Rede, dass die Spieler nicht genug gemeinsame Vorbereitungszeit hatten, da die Spielbelastungen in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen haben. Auch und gerade weil der DFB und die FIFA stets immer weitere Möglichkeiten auftun, mit den Einsätzen der Spieler mehr Geld zu verdienen.

Rein professionell hätte es da seitens des Managements eine bessere Priorisierung der Spiele geben müssen.

Doch auch wenn mehr Zeit für gemeinsame Trainings zur Verfügung gestanden hätte – wie hätte man die gestandenen, womöglich doch recht satten Weltmeister mit den hungrigen, jungen Spielern besser zusammenbringen können?

Von außen scheint es erhebliche Unsicherheiten im gegenseitigen Miteinander gegeben zu haben. Erlaubt man den Spielern WLAN Nutzung im Quartier? Wie wird sich das Zusammenspiel unter dem enormen Erwartungsdruck gestalten? Wie geht man mit den Irritationen um, die durch das Verhalten Özils im Vorfeld der WM entstanden waren?

Am Ende waren es wohl zu viele Interessen, die an den jungen und älteren Spielern in alle Richtungen gezogen und gezerrt haben, so dass kein wirkliches Zusammenspiel in der Mannschaft entstehen konnte. Sie waren nicht beieinander. Nicht im Hier und Jetzt.

Ähnlich wie Deadpool schien das Management und der Trainer die Spieler ausgewählt und zusammengestellt zu haben – nach welchen Kriterien auch immer. Und ähnlich der X-Force zerpflückten sich die Spieler nach der Landung selber und gegenseitig.

Das alte Spiel

Vielleicht ist es an der Zeit, endlich auch den FIFA- und DFB-Betrieb als hierarchisch organisiertes, machtkonzentriertes Unternehmen in eine sich selbst organisierende Form zu überführen. Womöglich zeichnen sich im Fußball gerade ähnlich notwendige Entwicklungen ab, wie bei VW, Daimler und der Politik.

Bei allen mangelt es gerade an Team-Play. Das falsche Verständnis, das Parteien (auch intern) gegeneinander arbeiten müssen, beschert uns gerade die große CDU/CSU/SPD Stagnation. In der Wirtschaft scheint man sich nur noch mit von ganzen oben abgesegneten Betrugsszenarien zu helfen zu wissen, um den Shareholder-Value liefern zu können. Und während der Fussball als eine faire Sportart kommuniziert wird, laufen innerhalb der FIFA und des DFB weiterhin mafiöse Bestechungs- und Geschäftsgebahren. Das solch ein Fake-it until-you-make-it nicht an den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bzw. Wählern oder den Mannschaftsspieler spurlos vorüber geht, dürfte klar sein.

Was vorgelebt wird, sind Werte, die vordergründig zur Schau gestellt werden. Die nur bis zum nächsten Millionen- oder Milliardendeal tragen. Die RESPEKT-Kampagne der FIFA kommt so daher, als würde sich die sizilianische Mafia ihrerseits wiederum gegen Prostitution, Waffen- und Drogenhandel aussprechen.

Was diese Verhaltensweisen mit den betroffenen, sozialen, gesellschaftlichen und letztendlich menschlichen Beziehungen anstellen, durfte nun final auch an der deutschen Nationalmannschaft beobachtet werden. Maximal ein Abchecken, wer der nächsten Millionentransfer sein wird. Bloß nicht zu sehr seinen angestammten Posten verlassen und mit nach vorne oder nach hinten gehen. Die Kohle kommt ja auch eher über Sponsoren-Verträge, als über die fußballerische Leistung. Stimmt allerdings die Leistung nicht, ist es auch mit dem interkulturellen Verständnis nicht weit. So lange die Performance stimmt, kann man ruhig homosexuell, weiblich sein oder migrantische Wurzeln haben. Sobald es mit der Marktdienlichkeit nicht mehr weit her ist, brechen die alten Ressentiments auf und durch.

Eine von Markt- und Leistungsdenke nur vordergründig erreichte Gleichheit und Fairness ist weder krisenresistent noch resilient. Teamplay auf einem bis ins Mark konkurrenzorientierten Betriebssystem wird auf Dauer nicht weit tragen. Zumindest nicht für ein Land wie Deutschland, dass sich auf die Fahnen geschrieben hat, bei der (sozialen), demokratisch legitimierten Marktwirtschaftlichkeit ganz weit vorne mit dabei sein zu wollen.

Ein neues Zusammenspiel

Wie also kann eine Gesellschaft aussehen, deren politischer Betrieb, dessen Wirtschaft und auch deren zentrale Sportarten ein wirkliches Miteinander wieder mehr ins Zentrum stellen?

Im Idealfalle wäre das dann wohl eine sich selbst organisierende Mannschaft. Eine selbstlernende Mannschaft. Im Englischen spricht man gerne auch von self-learning stewardship (vielleicht hat es die englische Mannschaft daher diesmal auch weiter gebracht, als die deutsche?).

Wie wäre es, wenn die Mannschaft sich ihren Trainer selbst wählen könnte? Wie wäre es, wenn die Spieler ihre Einsatzorte- und Zeiten selbstbestimmt wählen könnten? Wie wäre es, wenn die Trainings in einer Mischung aus Simulationen wie FIFA von Electronic Arts (die Zusammenarbeit mit SAP war anscheinend nicht wirklich erfolgreich), physischen und mentalen Trainings sowie Social Prototyping Prozessen zusammengesetzte werden würden? Braucht es wirklich die Millionentransfers, um König Fussball zukunftsfähig zu machen oder ist nicht vielmehr das Gegenteil der Fall? Wie könnten andere, sozialere Geschäftsmodelle oder Finanzierungen aussehen?

Was wäre ein entsprechendes Training für politische Parteien? Braucht es überhaupt Parteien – oder bräuchte es vielleicht zukünftig nicht eher Gastgeber für politische Prozesse, die auf kommunaler, Landes- und Bundesebene Bürgerinnen und Bürger zur politischen Partizipation einladen? Welche zeitlichen und finanziellen Ressourcen müssen dafür bereitgestellt werden? Welche rechtlichen Rahmenbedingungen gibt es dazu bereits und welche müssen dazu geschaffen werden? Spielen die etablierten Parteien dabei mit oder lassen sie lieber die AfD an sich vorbei ziehen?

Wie würden mehr demokratische Strukturen in Unternehmen Einzug halten können? Wie könnten Selbstorganisationsprozesse der Belegschaft für eine größere Resilienz in den Unternehmen sorgen? Wie kann das kompetitive Betriebssystem unserer Wirtschaft auf mehr Kooperation hin ausgerichtet werden – ohne das spielerische und herausfordernde Moment des Wettbewerbs vollständig über Bord werfen zu müssen? Welche Möglichkeiten und Herausforderungen bietet dabei die Digitalisierung – unabhängig von neuen Business-Modellen?

Was sollen die Werte sein, nach denen wir leben wollen und am Ende des Tages auch wirklich leben können? Die Fußballfans wollen von den Bestechungsskandalen im DFB oder der FIFA nichts hören, sondern wollen schlicht und ergreifend guten Fußball sehen und erleben. Ähnliches scheint für die Belegschaften von VW, Daimler und Co. zu gelten. Man(n) will seinen gut bezahlten Job behalten und an allem anderen kann man eh nichts ändern. Doch am Ende des Tages kann es das eine nicht ohne dem anderen geben. Wollen wir fair play erleben und auch selbst praktizieren, müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen.

Anpfiff!

Was wir momentan erleben ist, dass Korruption, ein mörderischer Wettbewerb, die Winner-takes-all-Mentalität und ein unglaublicher Raub an menschlichen und natürlichen Ressourcen die Spiele prägen, die wir zu sehen bekommen – egal ob Fußball WM, Doping und Bestechung bei den Olympischen Spielen, Tours de France oder Diesel-Skandale. Bei all dem kann man schnell der Meinung sein, dass der Mensch nun einmal von Natur aus so ist. Doch von Natur aus kooperieren meine Lunge mit meinem Herzen. Von Natur aus spielt mein Hirn mit Armen und Beinen zusammen. Wenn die Zellen in meinem Körper anfangen würden alle Ressourcen auf sich zu ziehen, dann würde man das schnell als Krebs diagnostizieren. Nicht unbedingt gesundheitsförderlich. Gesünder und natürlicher wäre radikale Kooperation. Spielerisch kooperativ. Mit Spaß, Achtsamkeit füreinander, Leichtigkeit und erheblich sinnvoller, als das, was wir momentan erleben.

Dazu bitte einmal kräftig Ablachen über den Wahn- und Unsinn, den wir gerade in der Politik, der Wirtschaft und im Sport erleben und dann, bitte:

Anpfiff! Für ein neues Zusammenspiel.

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